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Michel de Montaigne , Arthur Schopenhauer

und die Tierethik


Dies hier ist ein aufrichtiges Buch
, so leitete Michel de Montaigne seine berühmten Essais ein.(1) Auch Arthur Schopenhauer (2) war aufrichtig, was mitunter dazu führte, dass sich mancher vor den Kopf gestoßen fühlte.  Aber Schopenhauer ging es wie Montaigne um Wahrheit und nicht um Popularität. Gleich in der Einleitung seiner Essais erklärte Montaigne: Hätte es mir gegolten, die Gunst der Welt zu suchen, so hätte ich mich besser herausgeputzt und würde mich in zurechtgelegter Haltung vorstellen.(3) Doch zunächst: Wer war dieser Montaigne ? Dazu heißt es in einem Konversationslexikon:

Montaigne , Michel Eyquem de, französischer Philosoph, geb. Schloß Montaigne bei Bordeaux 28.2.1533, gest. dort 13.9.1592, war zuletzt Bürgermeister von Bordeaux. Er wurde berühmt durch seine ´ Essais `... Der Titel Essai ist bei Montaigne noch keine literarische Gattungsbezeichnung, sondern ein methodischer Begriff für die Selbstbeobachtung und das Ausprobieren der eigenen Denkkräfte. Obwohl Montaigne zu der offenen Form seiner Essais durch die verwandten Gattungen des Dialogs und des Briefs angeregt wurde, hat er zum erstenmal das literarische Organ für ein meditierendes Denken geschaffen, das nicht Resultat, sondern Prozeß sein will ... Die Essais sind ideell wie schriftstellerisch das bedeut- samste Erzeugnis des französischen Späthumanismus und von großer Wirkung bis auf die Gegenwart. Sie sind das erste große Denkmal weltmännischer Laien- philosophie in der Nachantike und leiteten die durch Menschenbeobachtung und Skepsis gekennzeichnete moralistische französische Literatur ein.“(4)

     “Selbstbeobachtung” und “meditierendes Denken” waren auch für Arthur Schopenhauer der Weg zu tieferer Erkenntnis. Schopenhauer hatte Montaigne als “bevorzugten Geist” sehr geschätzt und ihn in seinen Werken mehr- mals zitiert.(5) Wer Schopenhauer kennt und die Essais von Montaigne liest, wird dabei immer wieder auf Gemeinsamkeiten stoßen. So zum Beispiel beschrieb Montaigne in seinen Essais sehr eindrucksvoll - und dabei durchaus vergleichbar mit Schopenhauer - das Leid und die Grausamkeit des Menschen. In diesem Zusammenhang vertrat Montaigne eine Tierethik, mit der er weit über seine Zeitgenossen herausragte und die auch heute, also nach mehr als 450 Jahren, noch nicht überholt ist: 

“Ich für meinen Teil habe nicht ohne Unmut mitansehen können, wie man ein unschuldiges Tier, das wehrlos ist und das uns nichts zuleide getan hat, verfolgt und tötet. Und wenn der Hirsch, wie es sich gemeinhin zuträgt, da er den Atem und die Kraft schwinden fühlt und keinen anderen Ausweg mehr sieht, sich uns entgegenwirft und ergibt, die wir ihn verfolgen, und durch seine Tränen um Gnade bittet, ´klagend, blutüberströmt und einem Hilfeflehenden gleich` (Vergil, Aeneis, VII, 501), das hat mir immer ein sehr trauriges Schauspiel erschienen ... Die Menschen, die blutdürstig gegen Tiere sind, bekunden damit einen natürlichen Hang zur Grausamkeit ...”(6)

Montaigne wies hierzu auf eine “natürliche Erbkrankheit” des Menschen hin, nämlich seine “Anmaßung”,  bei der er sich “auserlesen dünkt”.(7) In seinem “Hochmut”  glaube der Mensch, er sei von den übrigen Geschöpfen, den Tieren, “seinen Brüdern und Genossen”, abgesondert:

Wir stehen weder über noch unter den übrigen Geschöpfen: alles, was unter dem Himmel ist, sagt der Weise, hat einerlei Gesetz  ... Es gibt einigen Unterschied, es gibt Grade und Stufen, doch im Anblick einer und derselben Natur ... (8)

Michel de Montaigne stand hiermit nicht im Einklang mit der zu seiner Zeit fast unumschränkt herrschenden christlichen Kirche, denn laut Bibel ist der Mensch “die Krone der Schöpfung” und von Gott berechtigt, über  alles “Getier” zu herrschen. Andererseits erinnert diese, zu seiner Zeit sehr erstaunliche und mutige  Aussage von Montaigne an die von Schopenhauer hochgepriesenen  altindischen Upanishaden. Dort wird die Einheit allen Seins durch die von Schopenhauer oft zitierten Sanskritworte Tat Tvam Asi zum Ausdruck gebracht. 

Montaigne begründete die enge Verbindung von Mensch und Tier auch mit der von der Kirche strikt abgelehnten  Lehre von der Seelenwanderung, die Pythagoras von den Ägyptern entlehnt habe. Aber selbst wenn es diese nicht gäbe, so gibt es, wie Montaigne hervorhob, doch eine gewisse Ehrfurcht und eine allgemeine Pflicht der Menschlichkeit, die uns nicht nur dem mit Leben und Empfindung begabten Getier verbindet, sondern den Bäumen sogar und den Pflanzen. Dem Menschen sind wir Gerechtigkeit schuldig, die Milde und Barmherzigkeit aller übrigen Kreatur, die für sie empfänglich ist.(9)

In dieser Hinsicht war jedoch Arthur Schopenhauer anderer Meinung, denn:

Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Tiere schuldig.(10)

Somit ging Schopenhauer trotz aller Übereinstimmung mit Montaigne über diesen hinaus Während Montaigne als früher Vorkämpfer für den Tierschutz gelten darf,  wurde Schopenhauer, vielleicht auch dadurch bedingt, dass er etwa 250 Jahre nach Montaigne lebte, zu einem der geistigen Wegbereiter für Tierrechte. Beim Kampf für Tierrechte aber geht es um Gerechtigkeit und nicht allein um Milde und Barmherzigkeit.

Beide Philosophen, Arthur Schopenhauer und Michel de Montaigne, waren mit ihrer Erkenntnis, dass Mensch und Tier sich nicht absolut, sondern nur graduell voneinander unterscheiden, ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus. Gerade in den letzten Jahren werden sie in ihren grundsätzlichen, für die damalige Zeit revolutionären Aussagen zum Verhältnis von Mensch und Tier mehr und mehr von der Wissenschaft bestätigt. Gesellschaft und Wissenschaft sind aber - wie etwa die furchtbaren Tierversuche zeigen - immer noch nicht bereit, daraus die ethisch erforderlichen Konsequenzen zu ziehen. So steht die Tierethik, was ihre Verwirk- lichung angeht, 450 Jahre nach Montaigne und 200 Jahre nach Schopenhauer trotz einiger Fortschritte leider immer noch am Anfang. Doch es geht nun voran, denn die Zahl der Menschen, die sich für die Rechte der Tiere einsetzen, wird ständig größer, und dementsprechend wird auch Tierethik nicht mehr nur ein Randthema in unserer Gesellschaft bleiben.
                                                                                                                         hb

Anmerkungen
(1)    Michel de Montaigne , Essais, Auswahl und Übersetzung von Herbert Lüthy, Zürich 1953, S. 51.
(2)    Über Arthur Schopenhauer und seine Werke > dort.
(3)    Michel de Montaigne , a. a. O., S. 51.
(4)    dtv-Lexikon in 20 Bänden, Band 12, München 1973, S. 267.
(5)    S. Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe in 10 Bänden, 9. Band, Zürich 1977, S. 27.
(6)    Michel de Montaigne, a .a. O., S. 419.
         Dazu Schopenhauer: “Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen,
         dass man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch
         sein.” (Arthur Schopenhauer, a. a. O.,  6. Band, S. 281).
(7)    Ebd., S. 432 ff.
(8)    Ebd., S. 435.
(9)    Ebd., S. 420.
(10) Arthur Schopenhauer, a. a. O., 10. Band, S.410.
                                                                                             > Arthur Schopenhauer und die Tiere                                                                           > Schopenhauer - ein früher Tierversuchsgegner